Als vor kurzem unter dem Twitter-Hashtag #schauhin1 rassistische Alltagsgeschichten gesammelt wurden, musste ich auch an ein paar Begebenheiten denken, mit denen meine afrikanischen Studenten konfrontiert wurden, als sie in Leipzig verweilten. Für zwei bzw. vier Monate waren sie für das Auslandssemester in der Messestaddt. Für das Leben in Leipzig war ich der erste Ansprechpartner (mit einem weiten Erfahrungsschatz), weshalb ich natürlich besonders viel mitgekriegt habe.

Die PhDs hatten Glück und konnten in Reudnitz (verhältnismäßig entspannt) leben, die MAs wurden aufgrund der Sturheit des Studentenwerks in Grünau untergebracht. Wir erinnern uns, Grünau ist einer der Stadtteile, in denen Menschen vor mehr als einem Jahr aus rassistischen Gründen auf die Barrikaden gingen, weil dort ein Asylbewerberheim hinkommen sollte.

Die unterschiedliche Lokalisierung der Studenten schlug sich dann auch in deren Empfindungen für und Erfahrungen mit Rassismus nieder. Während auch die Studenten in Reudnitz sehr wohl ein Gespür dafür hatten, welche Sonderstellung sie als Schwarze in Leipzig einnehmen, waren es besonders Studenten des Masterstudiengangs, die sich beschwert haben.

Dabei ging es weniger um solch abartiges Verhalten, wie 25 Minuten bösartig angestarrt und dann angespuckt, oder im KZ Buchenwald vom SS-Wachmann angeschrien und angepöbelt zu werden. Es geht auch weniger darum, dass sich die Polizei einen Scheiß dafür interessierte, dass einer meiner Studenten überfallen wurde. Vielmehr war es der mal mehr, mal weniger subtile Rassismus, denen schwarze Menschen hier jeden Tag ausgesetzt sind. Ganz vorn mit dabei ist in den Schilderungen immer wieder der Hinweis darauf, in Läden vom Personal demonstrativ übersehen, aber gleichzeitig überwacht zu werden. Es ist diese typische passiv-aggressive Verweigerungshaltung, die ich nur all zu gut kenne. Mir war daher sofort klar, was meine Studenten damit meinten.

Das Verhalten zeigt sich hier in der Provinz ganz vortrefflich in kleinen Läden wie Bäckereien und Fleischereien (gern auch in Supermärkten integriert), in denen die weiße Person vor dir bedient wird und die Bedienung anschließend entweder an dir vorbeistarrend dumm fragt: „So, wer ist jetzt der nächste?“2, oder deinen Blicken ausweicht und einen großen Schritt zu weißen Person hinter dir macht, die dann bedient wird.3 Dir kommt dann die Aufgabe zu, dir eine Bedienung zu erkämpfen. Das Verhalten wirkt besonders absurd, wenn man dann noch feststellen muss, dass dich diesselben Mitarbeiter nicht nur übersehen, sondern genau überwachen, wenn du durch den Laden schlenderst. Du könntest ja was klauen, immerhin bist du schwarz. Da ist das ja so üblich. Entsprechend hast du dann Mitarbeiter wie eine Klabusterbeere am Arsch kleben, die jeden deiner Schritte verfolgen. In der verschärften Variante verfolgt dich die ganze Zeit ein Security.

Interessanterweise berichteten mir meine Studenten, dass sich die Lage an den Orten, an denen sie sich öfter aufhielten, mit der Zeit verhältnismäßig entspannte. Eine Studentin, der die Feindseligkeit am meisten zu schaffen machte, fasste den Einstellungswechsel ihr gegenüber treffend zusammen: „Mir ist klar, dass die Leute mich im Laden jetzt einfach nur wiedererkennen und deshalb nicht mehr so fies drauf sind. Jeder andere Schwarze, der da neu hinkommt, muss sich auch erst wieder als ‚Ausnahme‘ beweisen.“ Das typische am Rassismus ist, dass Leistungen4 von rassistisch Ausgrenzten individualisiert, (vermeintliche) Fehltritte jedoch kollektiviert werden. Weil es hier im Osten keine Notwendigkeit gibt, findet kein ernsthafter Einstellungswechsel gegenüber schwarzen Menschen statt. Es gibt schlichtweg zu wenige, als dass sie gesellschaftlich gesehen durch die rassistische Mauer hindurch einen positiven Eindruck hinterlassen könnten.

Bis die Menschen in den Läden anfingen, zu meinen Studenten nicht mehr ganz so arschlochhaft zu sein, war der Schaden für den Ortsteil Grünau schon angerichtet. Jene Studentin z.B. weigerte sich bis zum Schluss, noch mal ins Allee Center zu gehen. Zu offensichtlich war dort die Abscheu.

Show 4 footnotes

  1. Achtung, der Hashtag wird von Rassisten regelmäßig missbraucht
  2. Alternative: Man wird zwar bedient, aber das nur sehr widerwillig und in einer sehr unverschämten Tonart.
  3. Man lasse sich bitte nicht zu der Annahme hinreißen, die Person hinter einem würde jetzt protestieren: „Warten’se mal, der junge Mann vor mir ist dran.“
  4. Worunter tatsächlich schon normales Verhalten fällt.

Bild: Wikimedia Commons, CC-BY

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