Gastbeitrag von Eva

Ich habe keine Heimat, kein Zuhause, keinen Platz. Ich weiß nicht ob ich es jemals hatte. Vom kindlichen Unbewusstsein über Grenzen und Dinge bin ich in eine Realität gerutscht, dass ich hier nicht hergehöre und niemand mich hier haben will.

Ich fühle nicht mehr die Freiheit eines selbstverständlichen Daseins. Die Menschen haben sich im Laufe meines Lebens das Recht herausgenommen, mich an meinen rechtmäßigen Platz zuverweisen, einen Platz der nicht existiert. Der Platz, von dem ich angeblich herkomme. Ich soll dahin zurückgehen, rufen sie mir nach. In ihren Fragen veorteten sie mich einfach woanders. „Woher kommst du wirklich“ (hier kann es nicht sein)? 21 Jahre Deutschsein in einer Frage negiert. Wo kommst du her, Eva? Und wo gehörst du hin? Ins Ausland. Aus dem Land. Aus der Gemeinschaft hinein in die Fremde.

Du kannst reden wie sie, du kannst heißen wie sie, du kannst essen wie sie, aber diese eine Sache ist von viel größerer Bedeutung. Kultur ist nicht, wer du bist, sondern was du bist. Braun. Braun. Braun. Braun. Braun. Und das ist alles, was du bist. Und das ist nicht gut genug. Das ist nicht richtig. Da ist nicht normal. Das ist NICHT DEUTSCH. Deutschsein ist keine Sprache, Deutschsein ist keine Sozialisierung, Deutschsein ist sichtbare Genetik und 50% davon reichen nicht aus. Der fremde Teil ist das, was zählt. Wir haben nichts gegen Ausländer, aber sie sollen gefälligst begreifen, dass sie genau das sind!

Kein Wort könnte die Einsamkeit ausdrücken, die ich empfinde. Jeden Tag. Ich bin eine Aussätzige, jemand der nicht einmal existiert. Damit etwas existiert, muss es gedacht, muss es gesagt werden, aber niemand scheint darüber nachzudenken und niemand sagt es … dass es uns gibt, dass es Deutsche gibt, die „anders“ sind. Ach doch, es gibt einen Begriff, der uns mit Migranten, die eingebürgert wurden, einordnet. Ich habe keinen Migrationshintergrund, aber ein Elternteil aus dem Ausland reicht aus, um mich als „Quasi-Deutsche“ abszustempeln. Eben keiner von „uns“. Ich kenne nur das Land, in dem ich Ausländer bin, und ich kenne nur die deutsche Familie, zu der ich gehöre, und ich kenne nur das Gefühl, dankbar sein zu müssen. Sei ja dankbar, sonst musst du bezahlen.

Jeden Stolz und jede Beanspruchung von Raum musste ich bezahlen. Einmal wurde ich in Borna angeschrien, weil ich auf der Straße gelacht habe. Da sollte ich dann wieder dahin zurück, wo ich herkomme. Ich habe Angst vor Menschen. Ich lebe mit dieser Angst, jede Sekunde von Fremden mit nur einem Satz komplett entwürdigt zu werden, vom Menschen zum braunen Fleck zu werden. Nicht einmal vor Kindern fühle ich mich sicher, im Gegenteil, ich fürchte sie. Ich glaube nicht an die kindliche Unschuld. Kinder sprechen den Rassismus ihrer Eltern ohne Scham und mit Vergnügen aus. Ich erinnere mich noch an das Mädchen im Dorf in Thüringen, was mit hämischen Grinsen über mich und meinen Vater rief: „Ich will die Neger beobachten“.

Ich weiß, ich darf nicht existieren, und das tue ich ja auch nicht. Keiner sieht mein Leid, sieht meinen Kampf, der mich jeden Tag an die Grenze treibt, an der ich weiß, es geht nicht mehr weiter. Und wenn ich hiervon berichte und ein bisschen von dem, was allen zusteht, beanspruche, dann werde ich verantwortlich gemacht und an meinen Platz verwiesen, auch von den „Wohlmeinenden“. Du darfst nicht reden, du darfst nicht gesehen werden. Du bist nicht gut genug, um wichtig zu sein, und dein Schmerz ist nicht wichtig genug, um unsere Bequemlichkeit zu stören. Was wir nicht sehen, kann nicht sein, denn unsere Augen sind besser als deine und deshalb bist du das Problem.

Heute war ich im Wildpark in Leipzig zur Entspannung und unter den hasserfüllten Blicken anderer Spaziergänger habe ich mich wieder so gefühlt. Einsam und unendlich verzweifelt, machtlos, ungesehen, ungewollt. Tausende helfen jetzt den Flüchtlingen, sehen sie und reden über sie, heißen sie willkommen. Ich frage mich, warum das für mich nie jemand getan hat. Warum ich nicht traurig sein darf bei dem Wort „Neger“ und warum ich nicht wütend sein darf, wenn mich die Verkäuferin wieder herablassend behandelt. Aber ich habe es ja vergessen, ich und meine Erfahrungen existieren nicht und vielleicht ist es auch einfacher jemand Fremden anzuerkennen, der nicht die eigene Vertrautheit gefährdet. Wie lange noch muss ich über alle Entwürdigungen und Feindlichkeiten hinwegsehen und ertragen, immer nur ertragen?

Ich bekomme wieder eine Mandelentzündung, ich merke es schon. Ich weiß, mein Körper wird langsam sterben, wenn es weiter so geht. Ich muss weg. Weiter, weg. Weg von der vertrauten Fremde, in der es mich nicht gibt.

Bild: Alex Proimos, CC-BY-NC

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